mehr als dreißig jahre sind es her daß die französische philosophin simone de beauvoir sich erdreistete den mutterinstinkt in frage zu stellen und mütterliche liebe als menschliches gefühl zu definieren vergänglich ungewiß und unvollkommnen namhafte psychologen und soziologen haben sich in den folgenden jahren im sinne der beauvoir geäußert doch da sie überwiegend frauen waren die auch noch feministische töne anschlugen machte sich das männliche establishment in wissenschaft und forschung nicht einmal die mühe die ideen der kolleginnen zu diskutieren die spontane liebe einer jeden mutter zu jedem ihrer kinder galt als ehernes naturgesetz und damit basta da ließ sich schon eher an der reputation der autorinnen rütteln denen man n nach belieben widernatürlichen verzicht auf das höchste frauenglück oder vermännlichung sowie aggressivität vorwarf hatten doch durchweg alle zweiflerinnen am heiligen instinkt freiwillig auf eigene kinder verzichtet so billig kommen die kritiker von elisabeth badinter professorin für philosophie an der ecole polytechnique in paris nicht davon sie kennt nämlich alle begründungen für den mütterlichen liebeszwang der die frau in der stunde der niederkunft zum kopflosen tierhaften weibchen degradiert die historischen gesellschaftlichen und ökonomischen ursachen die irrrtümer freuds und seiner gläubigen jünger theorien des patriarchen der psychoanalyse nicht an der realität zu überprüfen sondern sie mit wahrheiten gleichzusetzen die resistenz selbstzufriedener gattinnen-generationen gegen alles was sie aus ihrer ruhe aufschrecken könnte aber elisabeth badinter weiß auch daß sich die zeiten gottlob geändert haben verhaltensforscher genieren sich heute geradezu parallelen vom tier zum menschen zu ziehen und wenn dennoch wissenschaftler verhaltensformen ins alte schema von typisch weiblich und typisch männlich pressen müssen sie sich selbst ertappt fühlen kein produkt des zorns elisabeth badinters buch die mutterliebe 328 seiten piper-verlag 34 dm über die geschichte eines gefühls vom 17 jahrhundert bis heute kann also kaum das produkt des zorns eines weiblichen philosophen auf eine unbelehrbare männerhierarchie sein die sich aus furcht um vermeintliche privilegien hinter dogmen der naturlehre verschanzt nach aussage der autorin ist das buch schlicht das ergebnis eines zweijährigen seminars mit ihren studenten denen sie in einem anflug mütterlicher zuneigung das werk widmete den leser kann freilich eine so bescheidene einschätzung nur verwundern denn er verschlingt das buch wie einen thriller bester provenienz lustvoll aber mit geziemenden pausen zum nachdenken über motive und hintergründe täter und opfer elisabeth badinter beginnt ihre analyse des müttermythos mit haarsträubenden zitaten aus pariser polizeiberichten anno 1780 nach denen nur 2000 von etwa 21000 kindern nach der geburt im hause der eltern bleiben durften die anderen hingegen zu einer amme verfrachtet wurden oft so weit weg von paris daß sie schon auf dem beschwerlichen wege dorthin im offenen holzwägelchen starben wie auf einem sektionstisch breitet die philosophin all die faktoren aus die im 17 und 18 jahrhundert zu dieser tödlichen geringschätzung des kindes geführt hatten die angst vor dem kind über jahrhunderte von einer kinderfeindlichen philosophie und theologie genährt die gleichgültigkeit der mütter ihr egoismus die selektive liebe der eltern für den erstgeborenen sohn der haß des vaters auf die störenfriede erwachsener sprich ernsthafter arbeiten und vergnügen halbherzige entschuldigungen für das rabiate verhalten von vater und mutter läßt madame badinter nicht durchgehen wenn sie angesichts der horrenden kindersterblichkeit feststellt nicht weil die kinder wie die fliegen starben haben sich die mütter so wenig für sie interessiert sondern die kinder sind deshalb in so großer zahl gestorben weil die mütter sich nicht für sie interessierten das blatt beginnt sich zu wenden als gegen ende des 18 jahrhunderts in einer unmenge von publikationen den müttern ans herz gelegt wird sich höchstpersönlich um ihren nachwuchs zu kümmern das stillen wird quasi vom staat befohlen die kinder sollen nämlich um jeden preis überleben denn sie werden im eigenen land und in den überseeischen kolonien gebraucht pflichten der mütter elisabeth badinter entlarvt in einer vorzüglich klaren darstellung die philosophisch verbrämte werbekampagne für das kind das für zwei jahrhunderte die gesellschaft verändert das kind als kostbarkeit an der mutterbrust gehätschelt befreit von den schnüren des wickelkissens gehegt und gepflegt wie noch nie zuvor macht das muttersein zu einer lebensaufgabe pflege erziehung und geistige bildung werden fast ausschließlich zu pflichten der mutter und alsbald behaupten angeblich kluge männer vom priester über den philosophen bis zum psychoanalytiker die natur weise der frau diese aufgaben zu der vater einst unnahbare gottähnliche autorität verkümmert dabei zum samen und geldspender den ansonsten wichtigeres außerhalb der familie versteht sich beschäftigt viele frauen so belegt elisabeth badinter nahmen die neue verantwortung mit wahrer begeisterung auf weil es ihnen spaß machte und neue perspektiven eröffnete eine reihe guter erziehungsbücher von frauen aus dem 19 jahrhundert beweisen das oder weil weiblichkeit einen neuen marktwert erhielt in ihrer unbestechlichkeit sieht badinter alle positiven effekte in der hinwendung zum kind die neuen freiheiten die chancen für die ehemals verpönte zärtlichkeit für liebe zwischen mutter und kind doch die chance zur liebe entwickelt sich bald zu einer erzwungenen liebe zur zwangsbeglückung für die mutter indem die psychoanalyse die mutter zur hauptverantwortlichen für das glück ihrer sprößlinge macht und diese zum scheitern verurteilt sind wenn die mutter sie nicht genug liebt erhält sie eine entsetzliche aufgabe die frau ist in die mutterrolle eingesperrt schreibt elisabeth badinter und kann sich ihr nur bei strafe moralischer verurteilung entziehen daß führende philosophen wie rousseau und 150 jahre später der psychoanalytiker freud die weibliche natur so definierten daß sie alle merkmale der guten mutter inklusive hingabe und opfersinn enthielt sieht die autorin denn auch als hauptursache dafür an daß die frauen sich nur so langsam und zögernd vom zerrbild ihrer selbst befreiten zu viele opfer beladen mit schuldgefühlen und gepeinigt von gewissensbissen weil sie sich vollkommen glücklich fühlen sollten mit mann und kind es aber nicht waren haben frauen in früheren jahrhunderten ihren tagebüchern anvertraut was feministinnen in vergangenen jahrzehnten in wutschnaubenden parolen auf die straße trugen an der wiege meines kleinen lieblings habe ich alles was ich liebte geopfert schrieb die mutter des französischen philosophen jean guitton die lektüre die von arbeit erfüllten stunden alles was früher mein leben ausfüllte elisabeth badinter beendet ihr buch mit einer optimistischen prognose weil gewisse anzeichen darauf hindeuteten daß sich eine wahrhaft revolutionäre entwicklung in den familien anbahne die väter werden mütterlich stellt badinter mit erleichterung fest das modell der idealen frau von rousseau und freud liegt in den letzten zügen